Erziehung



Einstieg


Zuständig im Redaktionsstab u. a. für die Verlautbarungen auf den Presseseiten sind Albert Zimmermann und Klaus Kuhlmann.

Im Rahmen dieser Zuständigkeit sahen wir uns aufgefordert, zur momentanen Erziehungsdiskussion Position zu beziehen. In einem hin und her von E-Mails haben wir versucht, wesentliche Aspekte von Erziehung heraus zu arbeiten.

Wir stellen das daraus entstandene Papier hier zur Diskussion.

Meinungen dazu sind erwünscht und werden von uns, in die Chronologie der E-Mails eingereiht.



Das aktuelle Pressepapier

Zur Zeit gibt es eine Diskussion darüber, wie Kinder am besten erzogen werden sollten. Hier stehen sich Strenge und Drill auf der einen Seite und der Versuch auf der anderen Seite, Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu bieten, gegenüber. Hat eine der beiden Seiten recht?

In den siebziger Jahren kam ein dreibändiges Werk des amerikanischen Arztes Benjamin Spock über Kindererziehung heraus, die sich bei ihm durch einen besonders liebevollen Umgang mit Kindern auszeichnete. Das Werk ist heute noch im Buchhandel erhältlich. Viele Jahre später, auf der Party zu seinem achtzigsten Geburtstag, widerrief Dr. Spock alles, was er in seinen Büchern propagiert hatte und vertrat die Ansicht, ein Kind könne nicht früh genug lernen, u. a. dass der Vater das größte Stück Fleisch auf den Teller bekäme. Und wieder stoßen wir auf den obigen Gegensatz.

Ebenfalls in den siebziger/achtziger Jahren wurde immer wieder kolportiert, dass die Kinder der New Yorker Bronx, wohl die überlebensfähigsten Menschen seien, da sie durch die härteste Lebensschulung gegangen wären, die unsere Welt zu bieten hätte.

In den neunziger Jahren machte ein Buch von Ulrike Zöllner "Die Kinder vom Zürichberg" die Runde. In diesem Buch beschrieb die Autorin, wie unser Wohlstand und das "versorgt werden" unserer Kinder dazu führt, dass viele als Jugendliche und Erwachsene an Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und Motivationsmangel leiden.

Letzteres scheint der These von der fordernden Erziehung recht zu geben. Warum aber müssen wir immer in Extremen denken oder handeln? Warum gibt es nur brutalste Strenge oder verwöhnende Gleichgültigkeit? Und warum geht alles von den Eltern aus? Hat in unserer heutigen Welt ein Kind eine Chance, eigene Lebensstrategien zu entwickeln, eigene Motivationen aufzubauen, etwas eigenes zu wollen?

Die Kinder der Bronx zeigen uns, dass das, womit man sich auseinandersetzen muss, deutliche Lernerfolge zeitigt. Schon Aristoteles bemerkte: Denn die Dinge, die wir erst lernen müssen, bevor wir sie tun, lernen wir beim Tun. Oder anders: Jedes Kind hat ein Recht darauf, sich u. a.  an der heißen Herdplatte die Finger zu verbrennen oder mit dem Fahrrad zu stürzen. Das ist konkrete Lebenserfahrung und nur die hilft uns, die Realität richtig einzuschätzen. Erfahrungen lernt man nicht vor dem Fernseher, nicht mit Hilfe der Spielekonsole und auch nicht im Chinesischunterricht. In früheren Jahrzehnten war der ganze erreichbare Lebensraum ein Abenteuerspielplatz, heutige Kinder haben Glück, wenn sie die Möglichkeit erhalten, ein paar Erfahrungen zu sammeln, ohne von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen daran gehindert zu werden.

Es geht also nicht um die Frage, ob Strenge, Drill oder verwöhnt werden, sondern um die Frage, ob unsere Kinder noch die Möglichkeit haben, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln, da die besorgten Eltern oft ein Leben vorgeben, das durch ihre eigenen Hoffnungen, Enttäuschungen und Ängste bestimmt ist und mit dem Leben ihrer Kinder nur bedingt zu tun hat.

Der Königsweg wäre, Kindern dabei zu helfen, eigene Ziele zu finden und diese dann auch mit Beharrlichkeit anzustreben. Manchmal ist dazu auch viel Übung und Training erforderlich.


Albert Zimmermann / Klaus Kuhlmann
21. 02. 2011



E-Mail-Diskussion


Zimmermann, 06.03.2011

Ich habe zu meinen Mails noch etwas recherchiert und möchte noch ein paar Gedanken hinzufügen. Aber zunächst zu den Links:

Auf diesen beiden Seiten habe ich interessante Gedanken gefunden bzw. wiedergefunden:

http://www.koenig-aalen.de/vorstellung/present/ikkkonfuz.php

http://www.krefeld.ihk.de/media/upload/ihk/imap/20090421/ostasien_kulturstandards_050201.pdf

Ein Beitrag zu Amy Chua:
http://de.wikipedia.org/wiki/Amy_Chua

Eine Seite aus einem Japanisch-Deutschen Wörterbuch zum Thema „Ich“, im Suchfeld „Ich“ eingeben:

http://www.bibiko.de/wadoku/index.html,

Und nun einiges zu Wittgenstein und dem Zusammenhang von Sprache und Denken:

http://www.peter-radtke.de/sprache.htm

http://culturitalia.uibk.ac.at/hispanoteca/Lexikon%20der%20Linguistik/sp/SPRACHE%20und%20DENKEN.htm
Ungefähr ab Seite 2

http://www.netzgestalten.de/Frank.Hartmann/Wittgenstein.htm
Letzter Abschnitt

http://www.spsh.de/texte/Ludwig%20Wittgenstein%20-%20Linguistische%20Wende.pdf
Ab ca. Seite 7


1500 chinesische Schriftzeichen sind das absolute Minimum, um anfangen können zu lesen. 4000 sind für die Zeitungslektüre erforderlich, 30000 für jede Art von Text. Da hat man einige Übungen im Pauken. Ich hatte bereits große Mühe mit der japanischen Silbenschrift. Sie ist relativ einfach und hat keinen besonders großen Umfang.

Wenn man als Gastgeber einen Ostasiaten fragt, was er trinken möchte, ist dieser normalerweise irritiert. Deshalb irritiert, weil er dadurch gezwungen wird, ungeschminkt und unverbrämt seinen Willen kund zu tun und damit gegen die Gesetze der Höflichkeit zu verstoßen. Es wird vom Gastgeber erwartet, dass er ahnt, was sein Gast gerne trinken möchte und diesen Wunsch erfüllt, ohne dass er geäußert zu werden bräuchte. Das gilt für alle Lebensbereiche. Das gilt auch für die Kinder, die die Schriftzeichen pauken. Sie haben nach dem Gebot der den Eltern geschuldeten Höflichkeit keine Möglichkeit, das Pauken zu verweigern, sie müssen im Gegenteil den nicht geäußerten Wunsch ihrer Eltern vorwegnehmen und – mehr oder weniger – bereitwillig lernen!

Apropos Willensäußerung: Es ist zum Beispiel in Japan auch deshalb schwierig zu sagen „Ich will“!, weil es dort kein absolutes „Ich“ gibt. Ich habe einen Link einkopiert zu einer Seite in einem Wörterbuch mit den verschiedenen Möglichkeiten, im Japanischen „Ich“ auszudrücken. „Ich“ wird auf den Gesprächpartner bezogen und muss je nach Anlass, Geschlechts-, Rang-  und Altersunterschied anders formuliert werden. (Das betrifft übrigens die gesamte Sprache und sogar die Phonetik. Frauen haben eine andere, klarere Aussprache als Männer und es wird Ausländern empfohlen, zunächst von einer Frau Japanisch zu lernen.)

Wenn es demnach (Wittgenstein) so ist, dass Sprache und Denken koevolutionär sind, dass dem Denken durch die Sprache Grenzen gesetzt sind und dass die Struktur der Sprache, also die Grammatik das Denken präformiert und begrenzt, dann denken Menschen mit unterschiedlicher Muttersprache / Sprache auch unterschiedlich. Wer diese Unterschiede kennenlernen will, muss die Grammatik der jeweiligen Sprache kennen sowie in die Begrifflichkeit, den Wortschatz, die dahinter stehenden Bilder und ihre konnotative Bedeutung eintauchen.

Daneben bestehen noch kulturelle Unterschiede. Nicht umsonst werden Managern und Mitarbeitern weltweit operierender Konzerne nicht nur Sprachkurse verordnet, sondern auch Kulturkurse, denn manche Verträge und Geschäfte sind daran gescheitert, dass individualistisch und juristisch gepolte Indoeuropäer Ostasiaten vor den Kopf gestoßen haben.

Erziehung, ob explizit oder implizit, bedeutet immer auch Akkulturation, also die Erziehung auf eine bestimmte Kultur hin, und das sollte praktischerweise die Kultur der Gesellschaft sein, in der man faktisch lebt, denn sonst kommt es leicht zu kognitiven, emotionalen und sozialen Dissonanzen. Man muss sich als Eltern eben entscheiden, woraufhin man erziehen will, auf welche Werte hin und welche Gesellschaft. Aber viel Entscheidungsfreiheit hat man da nicht, denn die Gesellschaft erzieht immer mit, die Schule, die Pear-Group, die Medien. Wenn die gesellschaftliche und familiäre Erziehung gegenläufig sind, hat das Kind Stress und bekommt Orientierungsprobleme. Es sei denn, es gelingt, es von anderen völlig abzukapseln, wie das manche Sekten versuchen.

Ich habe Wittgenstein, die isolierenden Ostasiatischen Sprachen und die völlig andere Kultur und Gesellschaft dort erwähnt, weil ich zeigen will, dass man das Buch von Amy Chua nicht so einfach auf unsere Kultur und unser Denken übertragen kann. Aber so weit müssen wir nicht gehen. Sobald wir Mitteleuropa in Richtung Osten verlassen oder in Richtung Vorderer Orient, haben wir als Pädagogen und Psychologen das Problem mit sehr unterschiedlichen Vorstellungen von dem, was Erziehung und Lernen bedeuten.

Als Schulpsychologe hatte ich zum Beispiel grundsätzlich Probleme damit, Eltern aus Osteuropa und dem Vorderen Orient klar zu machen, dass hier bei uns Lernen auch Lernen aus Einsicht bedeutet, dass es wichtig ist, die Dinge zu verstehen und es nicht ausreicht, auswendig zu lernen und zu pauken. Was Einsicht anging fanden sie es wichtig, dass Kinder einsahen, lernen und pauken zu müssen, Einsicht hatte also ungefähr die Bedeutung von Akzeptieren. Verstehen fanden einige zwar hilfreich, aber nicht unbedingt erforderlich. Das von mir geforderte Verständnis für Zusammenhänge und Strukturen als Grundlage für den notwendigen Transfer war ihnen weniger wichtig oder vielleicht auch nicht nachvollziehbar, was natürlich mit den eigenen Lernerfahrungen zusammenhängen könnte.

An dieser Stelle muss ich daran denken, dass der Koran arabisch geschrieben ist und die meisten Muslime kein Arabisch sprechen. Sie lernen die Schriftzeichen zu lesen und prägen sich den arabischen Text ein, was harte Arbeit und ständiges Wiederholen bedeutet, ihn aber nicht wirklich verstehbar macht. Ich denke, dass das eine prägende  Lernerfahrung ist.

In meiner Jugend mussten die Messdiener in der katholischen Kirche eine Menge lateinischer Gebete und Responsorien  auswendig lernen, ohne sie zu verstehen. Ich habe das bei meinem Bruder gesehen, das war harte Arbeit, wenn die Texte auch bei weitem nicht so umfangreich waren wie der Koran.

Im Film „Gentl“ wird Barbra Streisand zu einem Talmudstudenten. Ich kann mich an die Szenen in der Jeschiwa ) gut erinnern. Man lernte dort, über den Talmud zu diskutieren, indem man möglichst schnell und sicher und im Wettkampf miteinander passende Zitate und Textpassagen aufsagen konnte. Das wirkte zwar vom Stil her dialektisch, war aber keine Interpretation, sondern Wiedergabe dessen, was man gelernt und sich gemerkt hatte.

) Jeschiwa ist eine Talmudhochschule, an der sich meist männliche Studenten dem Tora-Studium, und insbesondere dem Talmud-Studium widmen.


Exkurs: Wenn jemand aber so denkt, wenn für ihn Verstehen und Einsicht keine Voraussetzungen für erfolgreiches Lernen sind, dann erschließt sich für ihn auch nicht die Bedeutung von Begabung und Intelligenz. Für ihn kann jeder alles lernen, wenn er nur will und genügend Ausdauer hat. Eine Folge davon war, dass diese Eltern die Grenzen ihrer Kinder hinsichtlich Intelligenz, Begabung und Motivation nicht wahrgenommen und bei der Schulformwahl berücksichtigt haben.

Ein Beispiel aus der Praxis: Eine Schulleiterin berichtete mir von einem iranischen Jungen in einer 5. Klasse, der völlig übermüdet wirkte, Ringe unter den Augen hatte und im Unterricht völlig apathisch war. Ihre Nachforschungen ergaben, dass sein Vater, Student, ihn zwang, bis nachts um 11.00 Uhr unablässig zu lernen und sich dafür immer wieder neue Aufgaben ausdachte. Sie drohte ihm mit dem Jugendamt, wenn er seinen Sohn nicht spätestens um 08.30 Uhr ins Bett brächte.

Eine Weile hätte der Junge besser ausgesehen, dann wären die alten Erschöpfungssymptome aber wieder vorhanden gewesen. Was war  geschehen: Der Vater hätte den Jungen zwar um 08.30 Uhr ins Bett gebracht, 20 Minuten  später aber wieder geweckt.




E-Mail-Wechsel, der zum obigen Artikel führte:

Zimmermann; 17. 02. 2011

Wir sollten alle diese Gedanken zu einem Text zusammentragen. Die Diskussionen dazu in den Medien hinterlassen bei mir ein schales Gefühl, weil es dabei um Positionen geht und nicht um die Sache. Ich finde all die vielen Diskussionsrunden völlig überflüssig. Wenn du weißt, wer eingeladen ist, weißt du genau, was er oder sie sagen wird. Warum lädt man sie dann überhaupt noch ein? Das bringt die Sache doch nicht weiter! Was haben wir davon, wer jeder seine altbekannten Statements ablässt?

Wie sollen wir das angehen? Sollen wir unsere Kollegen draußen um Statements bitten und eine Art Mosaik herstellen oder machen wir eine Sache aus einem Guss?



Kuhlmann; 16. 02. 2011

Die Drill-Erfahrungen habe ich mit einigen Kindern aus dem ehemaligen Ostblock, aber auch mit Kindern z. B. aus dem Iran und dem Vorderen Orient gemacht. Das Problem liegt m. E. zum großen Teil weniger in der Tatsache des Drills, sondern eher darin, in welcher Umwelt ich so agiere und das ist meiner Meinung auch der Fehler dieser Chinesin. Sie beachtet nicht, dass etwas, was in einem bestimmten Land, mit einer bestimmten Kultur und einem bestimmten Lebensstil funktioniert zum Problem wird, wenn die Umwelt eine veränderte ist, z.B. der iranische Junge, der hier in Deutschland sieht, dass alle Schulkameraden weniger Zwang erfahren, oder die koreanische Jugendliche, die noch mit 16 Jahren nach der Schule zu Hause sein muss, während die Kameradinnen abends Fête machen und morgens in der Schule begeistert davon erzählen. Bestimmte Erziehungsmethoden funktionieren nur, wenn die Umwelt mitmacht.


Zimmermann; 16.02.2011

Mir ist gerade noch ein Gedanke zum Thema gekommen. Amy Chua mit dem Buch aus den USA ist Chinesin. Ich habe gelernt, dass ein wesentlicher Unterschied in der Kultur und Mentalität zwischen Europäern und Ostasiaten besteht, und der betrifft die Individualität. Ein Europäer kann ganz betont "Ich" sagen. Ein Ostasiate kann das nicht und er vermisst es auch nicht, weil er es nicht braucht. Man spricht bei ihnen von einem Gemeinschafts-Ich. Den Terminus Technicus habe ich leider nicht mehr präsent.

Ich denke, dass die betonte Individualität der Europäer jedem Drill entgegen steht und Widerstände provoziert, weil er die Selbstbestimmung behindert. In Ostasien funktioniert das aber offensichtlich sehr viel besser. (Es funktioniert auch in den Ländern der ehemaligen UDSSR, wenn auch nicht ganz so gut wie im Osten!)

Ich habe mal eine Weile Japanisch gelernt. Du wirst dort nicht als Individuum angesprochen und definiert, sondern über deinen Rang, dein Alter und dein Geschlecht. Als Kind sprichst du sogar anders als Vater und Mutter und verwendest andere Begriffe und Floskeln. Vom Status her bist du Lernender und Lernen ist deine Aufgabe, auch wenn das radikalen Drill bedeutet.


Zimmermann; 13. 02.2011

Es geht mir nicht um intensives Üben und Trainieren, denn das ist in vielen Fällen ohne jeden Zweifel nötig, um zu einer gewissen Kompetenz und Meisterschaft zu gelangen.

Es geht mir vielmehr erstens um die heute damit verbundene Einengung auf bestimmte Lebens- und Lernbereiche. "Chinesischunterricht", "Klavierunterricht", "Englisch im Kindergarten" usw.

Zweitens darum, dass Eltern versuchen, Kindern ihre Vorstellungen aufzuzwingen, sie zu designen, aber nicht wirklich berücksichtigen, wie sie sind und welche Begabungen und Motivationen sie haben. Sie werden permanent fremdbestimmt und entwickeln daher kaum Eigenmotivation. (Was sich m. E. ziemlich fatal auswirkt.)

Drittens gibt es für mich dabei das Problem der Künstlichkeit und der Beschränkung auf Sekundärerfahrungen. Kinder mit überwiegend Sekundärerfahrungen schweben sozusagen im luftleeren Raum, wenn es Probleme gibt. Sie haben keine gesunde Basis an Primärerfahrungen im Tun und Wahrnehmen. Sie haben zum Beispiel zwar im Fernsehen gesehen, wie man ein Vogelhäuschen baut, aber nie selbst eins gebastelt und deshalb kein Verständnis für Sachlogik und Planung entwickelt. Das ist ein gravierendes Handicap. (Schau mal unter Beta-Kindern und nonverbaler Lernstörung nach! Das sind deformierte Kinder!)

Ich bin ein absoluter Fan kindlichen Experimentierens, und zwar freien Experimentierens, mit aller Gefahr von Verletzungen und Schmerzen, denn auch das gehört dazu. Jedes Bauernkind ist früher mindestens einmal vom Heuboden oder in den Bach gefallen. Wenn ich zu meinem Freund wollte, bin ich fast nie "ordentlich" über die Straße gegangen, sondern über die Mauern zwischen den Gärten geklettert. Das ging nicht immer ohne Blessuren ab. Aber so ist das Leben.

Ich finde Aufenthalte auf einem Bauernhof gut und wichtig und den Waldkindergarten im Kölner Süden eine Klasse Idee. Ich habe selten so friedliche, fröhliche und konzentrierte Kinder gesehen wie dort, zumindest nicht in den letzten 20 Jahren.


Zimmermann; 11. 02. 2011

Wenn ich bezüglich Michael Felten eine klare Meinung hätte, würde ich das ganz anders kommunizieren. Aber ich bin sehr zwiespältig. Seine Aussagen sind mir an einigen Stellen zu plakativ und bedienen zu sehr den "künftigen" Zeitgeist. Dazu passt auch das Buch der in den USA lebenden Chinesin Amy Chua über Kindererziehung, welches jetzt intensiv diskutiert wird.

Kindheit hat m. E. nicht nur mit Drill zu tun und mit unablässigem Üben, sondern auch mit freiem Experimentieren und (selbstverständlich) der Möglichkeit des Scheiterns oder Siegens. Die genannten Ansätze sind mir zu manipulativ. Wo bleibt da die Freiheit? Das ist der Punkt, der mich zögern lässt. Vielleicht sollten wir uns in dieser Richtung äußern: Kinder müssen experimentieren dürfen, müssen expansiv sein dürfen, müssen scheitern dürfen, müssen sich weh tun dürfen, müssen Erfahrungen aus erster Hand sammeln dürfen. Ich bin absolut gegen "Käfighaltung" für Kinder.


Kuhlmann; 11. 02. 2011

Deine Idee, einmal etwas zu den momentanen Drill-Forderungen zu sagen, finde ich gut. Ich habe die Problematik immer mit einem Sandkasten beschrieben. Innerhalb des Sandkastens muss ein Kind relativ frei handeln dürfen, außerhalb sind die Erzieher verantwortlich. Dass der "Sandkasten" je nach Alter größer werden muss oder auch anders heißt, ist m. E. selbstverständlich. Aber, welche übergeordneten Prinzipien geben einer Erziehung bzw. später einem ganzen Leben einen Rahmen, auf den man sich beziehen kann oder an dem man sich orientieren kann?


Zimmermann; 09. 02. 2011

Schau im Internet mal nach Michel Felten. Er ist Lehrer für Kunst und Mathematik am Heinrich-Mann-Gymnasium in Köln und hat letztens einen Gastbeitrag im Stadtanzeiger gehabt. Ich habe beim Lesen ziemlich oft genickt, bisweilen aber auch den Kopf geschüttelt. Lass das mal auf dich wirken. Wir können uns dann hinterher darüber unterhalten, ob wir mit ihm Kontakt aufnehmen oder nicht.