Mobbing FAQs von und für Schulpsychologen

Wie ist die Definition von Mobbing?

Die meisten Definitionen beinhalten die vier folgenden Kennzeichen:
Zwischen Täter und Opfer besteht ein Kräfteungleichgewicht.
Häufigkeit: Die Angriffe erfolgen mehrmals pro Woche, manchmal mehrmals täglich.
Dauer: Die Angriffe finden über einen längeren Zeitraum statt, Wochen bis Monate.
Die Konfliktlösung ist für das Opfer ohne äußere Unterstützung unmöglich.
In der Regel findet man in einer Klasse einen bis mehrere Täter, einige Mitläufer, mehrere Zuschauer, viele Unbeteiligte und ein, manchmal auch mehrere Opfer. Es gibt verschiedene Formen des Mobbings:
Verbal: Schimpfwörter, Bedrohungen, Erniedrigungen.
Physisch: Schlagen, Kneifen, Boxen, Treten, mit Gegenständen bewerfen.
Sozial: ignorieren, sich vor Gleichaltrigen verstecken, ächten, stehlen.
Psychologisch: auflauern, auslachen, verbal oder durch Gesten beleidigen ("Stinkefinger" zeigen), verächtliche Blicke, Gerüchte verbreiten, Gegenstände verstecken oder kaputt machen.

Wie kann man die Täter beschreiben?

Mit Checklisten muss man sehr vorsichtig sein, da auch Schüler mit "untypischen" Merkmalen zu Tätern werden können und andererseits "typische Täter" möglicherweise niemals auffällig werden.
Eigenschaften, die häufiger genannt werden, sind z.B.:

•

"Machthunger", mit Freude an Konflikten und daran, den eigenen Willen durchzusetzen

•

Hohe Impulsivität, wenig Selbstkontrolle, hohes Energiepotential

•

Körperliche Stärke

•

Wenige Konfliktlösungsstrategien im Verhaltensrepertoire

Welche Motive haben die Täter?

Mobber wollen oft ihre Position in der Klasse stärken oder ausbauen, indem sie andere Schüler klein machen. Hinzu kommen Motive wie, sich die Langeweile zu vertreiben, ein Gefühl von Macht und Überlegenheit zu bekommen, erlebte Misserfolge zu kompensieren, sich zu rächen oder die Anerkennung der Mitschüler zu gewinnen. Interessant ist, dass viele Mobber selbst einmal Mobbingopfer waren – oder auch noch sind – und nun ihrerseits Macht ausüben, um sich stärker zu fühlen und anerkannt zu werden. Mobbing ist also eher ein Ausdruck der Schwäche als der Stärke!

Wie kann man die Opfer beschreiben?

Das Wichtigste am Anfang: Opfer tragen keine Schuld an ihrer Rolle und prinzipiell kann jeder zum Opfer werden!
Man unterscheidet zwei Typen:
Passive Opfer (häufiger), die körperlich schwächer als die anderen Schüler sind, ängstlich, unsicher und sensibel. Sie reagieren "interessant" auf Angriffe, weinen z.B. schnell oder verzweifeln.
Provozierende Opfer, die durch auffälliges Verhalten Angriffsfläche bieten. Sie sind häufig ängstlich und aggressiv, wirken hyperaktiv, sind leicht reizbar und / oder spielen sich gerne in der Vordergrund.
Beiden Typen ist gemeinsam, dass sie zuverlässig auf eine für die Täter  "interessante" Art und Weise auf die Angriffe reagieren und das nutzen diese aus. Mit der Zeit probieren dann immer mehr Kinder aus der Klasse, das Opfer zu hänseln oder zu beleidigen, um gleiche Reaktionen hervorzurufen. Jemanden, der cool und stark auf Sticheleien etc. reagiert erscheint dagegen als "langweiliges" Opfer und wird i.d.R. schnell wieder in Ruhe gelassen.
Schüler können auch dadurch zu Mobbingopfern werden, wenn ein Lehrer sie durch
ironische Bemerkungen oder unsachliche Kritik schwächt und damit als möglicherweise geeignetes Opfer erscheinen lässt. Mitschüler nutzen dann gerne die so entstandene Angreifbarkeit und probieren aus, was geschieht, wenn man den betreffenden Schüler ärgert. Reagiert dieser "interessant", baut sich schnell ein systematisches Mobbing auf.

Wie kann man die Opfer und ihre Familien unterstützen?

Mobbingopfern ist ihre Situation häufig sehr peinlich und wenn sie sich an Eltern, Lehrer oder einen Berater wenden, kostet sie das große Überwindung. Man sollte ihr Anliegen auf jeden Fall erst nehmen und ihre Geschichte aufmerksam anhören! Vorsicht: Mobbing ist ein Modewort und wird häufig falsch benutzt, z.B. für kurzfristigere Streitereien zwischen "gleichstarken" Schülern. Zusätzliche Informationen kann der Mobbingfragebogen von www.schueler-mobbing.de liefern. Wenn tatsächlich eine Mobbingsituation vorliegt, kann eigentlich nur die Schule langfristig für die Auflösung der Situation sorgen. Als Berater kann man sicherlich Unterstützung im Kontakt mit der Schule anbieten, wenn die betroffene Familie zu geschwächt ist, um selbst aktiv zu werden. Vor einem solchen Gespräch bietet es sich an, die aktuellen Übergriffe in einem Mobbingtagebuch festzuhalten, um einen gewissen Nachweis über Dauer und Häufigkeit aufzeigen zu können.
Parallel zu Interventionen in der Schule macht es Sinn, dem betroffenen Schüler Unterstützungsangebote zu machen, z.B. Einzelgespräche, Selbstsicherheitstrainings, Kurse in Selbstbehauptung.
Wenn die Schule auf das Mobbing falsch, überhupt nicht oder nicht konsequent genug reagiert, bleibt unter Umständen kein anderer Ausweg mehr als ein Schulwechsel. Dieser sollte mit dem Opfer vorbereitet werden, weil auf die erlebte Niederlage, ein Mobbingopfer zu sein, eine zweite Niederlage folgt: Es ist für sie schwer zu verkraften und ausgesprochen demoralisierend, dass sie selbst gehen müssen, die Täter aber bleiben dürfen. Viele Opfer benötigen nach dem Schulwechsel noch eine ganze Weile schulpsychologische Unterstützung, um wieder aufgebaut und gestärkt zu werden und ihr Selbstbewusstsein wieder zu finden.

Wie kann man die Schule/die Lehrkräfte unterstützen?

Die Schule trägt die Verantwortung für den Schutz ihrer Schüler! Schulen brauchen klare Regeln, die das Zusammenleben und das gemeinsame Arbeiten betreffen. Diese Regeln müssen allen Mitgliedern der Schulgemeinschaft bekannt sein und von allen unterstützt werden. Gleichzeitig braucht es Vereinbarungen darüber, welche Konsequenzen gezogen werden können, wenn gegen eine Regel verstoßen wird und diese müssen dann zeitnah und ohne Ausnahme umgesetzt werden.
Die Reaktionen der Lehrer auf Aggressionen zwischen Schülern oder Übergriffe gegen Schüler ist entscheidend für den weiteren Verlauf: Lehrer sind Rollenvorbilder und müssen klare Signale setzen, wenn Verhaltensweisen nicht in Ordnung sind. Lehrer müssen auch sehr vorsichtig sein, welche Bemerkungen sie selbst den Schülern gegenüber machen – gerade wenn es um Konfliktsituationen geht. Ein unbedachter Witz (egal wie harmlos man ihn selber finden mag) auf Kosten eines Schülers kann seine Situation in der Klasse massiv verschlechtern! Der Lehrer gibt ihn dadurch praktisch zum Abschuss frei. Andersherum kann sich eine klare Positionierung für die Opferseite positiv auswirken, da sich die Mobber dadurch nicht nur gegen ihr Opfer sondern auch gegen den Lehrer stellen.

Welche Präventionsansätze gibt es?

Klare Schul- und Klassenregeln, die allen bekannt sind und regelmäßig besprochen werden (z.B. immer am Anfang des Schuljahres) können präventiv wirken. Es macht auch Sinn, neben Strafen bei Verstößen, Belohnungen für gutes Befolgen einzusetzen, z.B. Klassenweise wenn es über einen bestimmten Zeitraum keine Übergriffe gab.
Programme zum Sozialen Lernen, zur Perspektivenübernahme, zur Stärkung der Klassengemeinschaft und zum kooperativen Umgang miteinander bieten gleichzeitig eine Prävention gegen Mobbing.
Z.B. "Achtsamkeit und Anerkennung" von der BZgA, "Mobbing? Nicht in unserer Schule!" aus der MindMatters Reihe, "Sozialtraining in der Schule" von Petermann et al.

Welche Interventionsansätze gibt es?

In jedem Fall muss als erstes das Mobbing gestoppt werden, der Schüler braucht Schutz! Die weitere Intervention besteht – wünschenswerterweise – in der Umsetzung der festgelegten disziplinarischen Konsequenzen, die je nach Schule sehr unterschiedlich aussehen können. Schulen können sich bei ihrer jeweiligen Schulaufsicht rückversichern, welche Maßnahmen prinzipiell möglich sind.
Einen lösungsorientierten Interventionsansatz bietet der No Blame Approach.

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