Lerntypen und nonverbale Kommunikation im Unterricht

Lerntypen

Wer sich mit Lernen beschäftigt, stößt früher oder später auf die Lerntypentheorie. Diese besagt, dass Lernen über unterschiedliche Wahrnehmungskanäle erfolgt. Lerneffektivität kann nach dieser Auffassung dadurch gesteigert werden, dass der richtige Wahrnehmungskanal beim Einzelnen angesprochen wird. Frederic Vester unterschied vier Lerntypen (1975): den auditiven, den optisch/visuellen, den haptischen und den durch den Intellekt lernenden. Ausgehend von diesen Typen haben sich mit der Zeit viele Autoren diesem Thema gewidmet.

In ihrem Artikel "Lerntypen?- Ein pädagogisches Konstrukt auf dem Prüfstein" setzt sich Maike Looß kritisch mit dieser Typologie auseinander:

Bei der Betrachtung der vier Lerntypen fällt auf, dass drei Typen über Wahrnehmungskanäle charakterisiert werden, während der vierte Typ sich auf den Verstehensprozess bezieht. Dies suggeriert, dass der Intellekt bei den anderen drei Typen keine Rolle für Denken oder Verstehen spielt. In der Kognitionswissenschaft gibt es keine Belege für die Existenz solcher Lerntypen oder Lernstile. Sinnesdaten als solche haben keine innenwohnende Bedeutung. Erst der Lernende gibt den Sinnesdaten durch Interpretationen Bedeutung. Je nach Beschaffenheit der Daten erfolgen die Interpretationen unterschiedlich. So liefern Bilder als analoge Repräsentationen von Wirklichkeit dem Einzelnen Informationen über visuell feststellbare Eigenschaften. Wenn es aber darum geht, einen Sachverhalt zu verstehen, der sich auf andere Eigenschaften bezieht (z.B. Gewicht oder Klang), reicht eine visuelle Präsentation nicht aus, um Verstehen zu erzeugen. "Verstehen ist in erster Linie ein Bemühen um Bedeutung, womit die semantische Informationsverarbeitung einen zentralen Stellenwert bekommt." (Looß. 2001).

In Fachdidaktiken und Schulbüchern tauchen in Zusammenhang mit den Lerntypen immer wieder die Begriffe "Lernen mit allen Sinnen", "ganzheitliches Lernen" und "handlungsorientiertes Lernen" auf. Looß weist auf die Problematik hin, dass diese Begriffe in Abgrenzung zu kognitivem Lernen benutzt werden. In Bezug auf den Lernprozess sind sie jedoch allenfalls als wünschenswerte Voraussetzungen des Lernens zu betrachten. Die kognitive Verarbeitung von Informationen ist keine Alternative, sondern die Reaktion auf die jeweilige Sinnesstimulation. Ob ein Schüler die unterschiedlich dargebotenen Informationen erfolgreich nutzen kann, hängt in hohem Maße davon ab, ob er in der Lage ist, richtige Verknüpfungen durch Vorwissen herzustellen und Schlussfolgerungen zu ziehen und ob er an Erkenntnis interessiert ist und in der Lage ist, seine Aufmerksamkeit auf die notwendigen Informationen zu richten. Lernbereitschaft kann zwar durch unterschiedliche Methoden geweckt, aber nicht erzwungen werden.

Sinnesdaten werden vom Gehirn gespeichert. Wir haben mental eine Vorstellung davon, wie die Dinge klingen, aussehen, riechen, sich anfühlen oder schmecken. Individuell unterschiedlich ist die Ausprägung dieser Vorstellungen, d.h. die Behaltensleistung kann durch die Art der Wahrnehmung beeinflusst werden. Die Beliebtheit der Vesterschen Lerntypen und die daraus entstandenen Didaktiken scheinen Aufschluss über die Art und Weise schulischen Lernens zu geben. Wenn es um reproduzierbares Wissen, um Auswendiglernen geht, können aus den Lerntypen abgeleitete und vermittelte Strategien des Lernens durchaus nützlich und ausreichend sein. Sobald jedoch komplexere Lernleistungen erwartet werden, reicht diese Form des Unterrichtens nicht aus. Möglicherweise spiegeln Untersuchungen wie die TIMS-Studie den Zustand unserer Schulen wider. Statt Problemlösung zu fordern und einzuüben begnügt man sich mit Einprägen und Wiedergabe von Wissen.

Unterrichtsmanagement durch nonverbale Kommunikation

Lehrerinnen und Lehrer wundern sich häufig, dass Schülerinnen und Schüler ihren Aufforderungen nicht Folge leisten, obwohl ihre Anweisungen doch klar und deutlich waren.
Michael Grinder zeigt auf, dass die Schülerinnen und Schüler häufig stärker auf die nonverbalen Signale als auf die Worte der Lehrerinnen und Lehrer reagieren.

Nicht nur jüngere Schülerinnen und Schüler können durch eine klare Körpersprache des Lehrers / der Lehrerin geleitet und unterstützt werden.
In seinem ersten Buch "Schule erster Klasse" - Nonverbale Kommunikation im Unterricht" (2004) vermittelt Michael Grinder im ersten Teil die Grundlagen und stellt praktische Übungen vor, mit denen Lehrerinnen und Lehrer alleine arbeiten können. Im zweiten Teil bietet er ein Training der zuvor vermittelten Grundlagen an, in das Kolleginnen und Kollegen einbezogen werden. Zusätzlich gibt es eine Reihe von Arbeitsblättern auf einer CD.

In jedem Kapitel geht es um vier Phasen einer Unterrichtsstunde:

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Aufmerksamkeit gewinnen

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Unterrichten

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Übergang zur Stillarbeit

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Stillarbeit


Im ersten Kapitel von Teil I stellte er die "Sieben Schätze", d.h. die sieben Hauptfertigkeiten des Lehrers, vor, die er dann in den weiteren Kapiteln vertieft.
Die Sieben Schätze sind: Körperhaltung einfrieren, Lauter (Pause) Flüstern, Melden oder Zurufen, Regieanweisungen zur Stillarbeit, Die wichtigsten 20 Sekunden, Das Geheimnis der Aufmerksamkeit und Von Macht zu Einfluss.

Körperhaltung einfrieren

Lehrerinnen und Lehrer, die Ruhe einfordern, dabei aber selbst hin- und herlaufen, übermitteln widersprüchliche Botschaften, auf die die Schülerinnen und Schüler reagieren. Meist reagieren sie auf die non-verbale Botschaft. Lehrerinnen und Lehrer müssen also lernen, Körperhaltungen und Anweisungen in Kongruenz zu bringen.

Lauter (Pause) Flüstern

Lehrerinnen und Lehrer erleben es vielfach, dass sie gegen eine unruhige Lerngruppe anreden und dabei mit der Stimme immer lauter werden. Stimmführung und Lautstärke sind wichtige Mittel zur gezielten Übermittlung von Botschaften.

Melden oder Zurufen

Lehrervortrag und Zuhören, Melden und Zurufen haben ihre Bedeutung im Unterrichtsgeschehen. Häufig geraten die drei Formen der Interaktion allerdings durcheinander. Durch gezielte non-verbale Signale und deren Training können Lehrerinnen und Lehrer den Schülerinnen und Schülern verdeutlichen, wann welches Verhalten erwartet wird.

Regieanweisungen zur Stillarbeit

Lehrervortrag, Unterrichtsgespräch und Stillarbeit oder Partnerarbeit wechseln sich in einer Unterrichtsstunde ab. Für effektives Arbeiten ist es notwendig, so zügig wie möglich von einer Phase zur anderen überzugehen. Schülerinnen und Schüler nutzen diese Übergangsphasen häufig, um sich zu unterhalten und zu stören. Eindeutige non-verbale Signale können verhindern, dass für Störverhalten Raum gegeben wird.

Die wichtigsten 20 Sekunden

Der erfolgreiche Beginn der Stillarbeit kann innerhalb von 20 Sekunden entschieden werden. In diesen 20 Sekunden erlangen die Lehrerinnen und Lehrer die Aufmerksamkeit der Schülerinnen und Schüler und geben ihre Anweisungen.

Das Geheimnis der Aufmerksamkeit

Gerade bei motorisch stark aktiven Kindern ist es notwendig, dass der Lehrer / die Lehrerin beruhigend auf sie einwirkt, sie aber dann auch wieder in den Arbeitsprozess einbringt. Dies können Lehrerinnen und Lehrer über einen längeren Zeitraum hinweg einüben.

Von Macht zu Einfluss

Lehrerinnen und Lehrer, die Macht ausüben, handeln meist konfrontativ und richten ihre Handlungen auf oder gegen die Person des Schülers. Lehrerinnen und Lehrer, die Einfluss nehmen, richten ihre Aufmerksamkeit auf die Arbeit der Schülerinnen und Schüler. Sie nehmen indirekt Einfluss und sorgen dafür, dass der Schüler / die Schülerin sich wieder auf das Unterrichtsgeschehen konzentriert. Schülerinnen und Schüler, auf die Macht ausgeübt wird, klinken sich nicht selten aus dem Unterricht aus.

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