Auffälliges Verhalten, Aggression und schulische Intervention
Auffälliges Verhalten
Sozialer Kontext, Normen und Bewertungen bestimmen, ob ein Verhalten als unangepasst oder antisozial bezeichnet wird.
Beispiele:
1) Das Durchsetzen von eigenen Interessen kann im beruflichen Kontext von Seiten der Vorgesetzten als erstrebenswert und nützlich angesehen werden, von Kolleginnen und Kollegen allerdings als rücksichtslos und sozial unangepasst.
2) Raufen und Kräftemessen kann unter Jugendlichen ein positiv sanktioniertes und sozial anerkanntes Verhalten sein. In der Schule wird dieses Verhalten als sozial unerwünscht und aggressiv eingestuft.
HINWEIS
Lehrerinnen und Lehrer müssen sich immer verdeutlichen, welches normative Gefüge ihrem Urteil zu Grunde liegt. Viele Missverständnisse in Gesprächen entstehen schon, weil Verhaltensweisen von Kindern und Jugendlichen in unterschiedlichen Systemen oder von unterschiedlichen Personen anders bewertet werden.
Verhalten, das vom Lehrer als Problem bezeichnet wird, stellt für den Schüler, der das Verhalten zeigt, eine Problemlösung dar. Der Lehrer mag das Verhalten für sich und das soziale Gefüge als problematisch und unpassend bewerten, für den Schüler ist es passend und wird von ihm als angemessen gesehen.
Merkmale sozial problematischen Verhaltens
 | unkontrollierter Ärger |
 | allgemeine Feindseligkeit gegenüber anderen |
 | aggressives Verhalten |
 | Unvermögen Regeln zu befolgen |
 | Ablehnung der Autorität Erwachsener |
 | Konflikte mit Gleichaltrigen |
 | Tendenzen, anderen die Schuld zuzuschieben und |
 | Weigerung der Übernahme von Verantwortung |
Im Umfeld von Schule zeigt es sich in
 | der Unfähigkeit, befriedigende Beziehungen zu Mitschülern und Lehrern herzustellen und aufrechtzuerhalten |
 | unangemessenen Gefühlen und Verhaltensweisen in normalen Kontexten |
 | allgemeinen negativen oder depressiven Stimmungen und / oder |
 | der Tendenz, mit physischen Symptomen auf persönliche oder Schulprobleme zu reagieren |
Personen mit gestörtem Sozialverhalten haben keine Copingstrategien, in Bezug auf soziale Interaktion oder leben in einer Umgebung, die ihnen Integration verwehrt.
Es gelingt dem Einzelnen nicht durch prosoziales Verhalten die Balance zwischen persönlichem Erleben, Wahrnehmen und Wollen und den gegebenen sozialen Möglichkeiten zu finden.
Unterschiedliche Sichtweisen zur Erklärung von Verhaltensauffälligkeiten von Schülerinnen und Schülern
Bei der Suche nach Ursachen für auffälliges Verhalten werden meistens Faktoren zur Erklärung herangezogen, die außerhalb von Schule liegen:
 | Elternhaus |
 | Freundeskreis |
 | Medien |
 | Persönlichkeit des Schülers |
Vielfach liegen die Ursachen jedoch auch innerhalb der Schule:
 | Schulklima und Schulorganisation |
 | Zusammensetzung einer Klasse/der Schülerschaft |
 | Gestaltung des Unterrichts |
 | Lehrerverhalten |
 | Lehrer-Schülerverhältnis |
Da die Faktoren innerhalb der Schule in Bezug auf Veränderungen am leichtesten zugänglich sind, sollten sie am stärksten für Maßnahmen in Betracht gezogen werden.
Analyse zentraler Bereiche sozialer Kompetenz
Wenn Schulen bislang - entsprechend den Konzepten im Schulprogramm - Projekte zum sozialen Lernen durchführen oder präventive Trainings anbieten, sind diese in der Regel komplex und unspezifisch; gehandelt wird auf Grund einer allgemeinen Einschätzung, in die allerdings die Beobachtungen des Verhaltens einzelner Schülerinnen und Schüler eingeflossen sind.
Ein Beispiel: Viele Schulen bieten Ausbildungen für Streitschlichtung an. In der Regel werden zu diesen Ausbildungen Schülerinnen und Schüler eingeladen, die schon über gute soziale Fähigkeiten verfügen. Im Rahmen der Ausbildung können diese Schülerinnen und Schüler ihre Kompetenzen ausbauen und vertiefen. Sie lernen mit eigenen Gefühlen umzugehen, auch mit Ärger und Stress, Gespräche zu führen und angemessen, d.h. in der Regel Konflikte deeskalierend zu führen. Mit solchen schulischen Maßnahmen werden kaum Schülerinnen und Schüler erreicht, für die Chancen zur Sozialkompetenz besonders wünschenswert erscheinen. Die Programme selbst thematisieren verschiedene Aspekte der Sozialkompetenz und sind deshalb häufig sehr aufwändig.
Stellen Lehrerinnen und Lehrer antisoziale Verhaltensweisen in Klassen fest, werden schnell Projekttage zum sozialen Lernen ,mit der gesamte Lerngruppe durchgeführt, ohne dass hinreichend geklärt ist, woher die Störungen kommen, wen genau sie betreffen, wann oder bei wem sie eintreten und welches Ziel die Veränderung haben soll. Solche Trainingstage sind dann auch meist - wenn überhaupt - nur von kurzem Erfolg und haben häufig nur Alibifunktion, es wurde immerhin etwas unternommen.
Wenn im Klassenraum einzelne Komponenten des Verhaltens diagnostiziert werden, die sich als zentral im Hinblick auf die "Verhaltensauffälligkeiten" erwiesen haben, können (und sollten) auch Programme gezielt dieses wenig entwickelte Verhalten der Schülerinnen und Schüler trainieren, beispielsweise den Umgang mit Ärger oder die angemessene Verbalisierung in konfliktträchtigen, emotional aufgeheizten Situationen.
Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer können ihren Kolleginnen und Kollegen helfen, eine genauere Diagnose durchzuführen, um dann zielgerechter Maßnahmen ergreifen zu können, die in der Folge auch weitergeführt werden können und damit wirksam sind. Hierbei ist es hilfreich, zentrale Bereiche der Sozialkompetenz in den Blick zu nehmen.
Zentrale Bereiche der Sozialkompetenz sind z.B.
 | Umgang mit sich selbst |
 | Umgang mit Freunden |
 | Umgang mit Mitschülerinnen und Mitschülern, mit denen man nicht befreundet ist, |
 | Umgang mit Fremden |
 | Umgang mit Erwachsenen, insbesondere Eltern und Lehrkräften |
 | Umgang mit Sachen |
Die Maßstäbe, nach denen Verhalten als angemessen, wünschenswert, tolerierbar oder unangemessen beurteilt werden, ändern sich z.B. je nach Alter der Schülerinnen und Schüler, nach Situationen und sozialem Umfeld sowie nach den Erwartungen und Werten der beurteilenden / diagnostizierenden Personen.
Beratungslehrerinnen und Beratungslehrer können diese Felder gemeinsam mit ihren Kolleginnen und Kollegen untersuchen und Beobachtungen zusammentragen. Die Zusammenfassung der Beobachtungen in einer solchen "Diagnose" sollte dazu führen, dass mit den Lehrerinnen und Lehrer das Programm oder Training entwickelt wird, das spezifisch auf ihre "Verhaltensauffälligkeiten" ausgerichtet ist. Sie kann auch dazu führen, dass einzelnen Schülerinnen und Schüler Empfehlungen gegeben werden, wie sie Hilfe und Unterstützung erlangen können, ohne dass die Lehrerinnen und Lehrer überhaupt mit der ganzen Klasse arbeiten müssen.
Verhaltensauffälligkeiten sollten weniger als Eigenschaft der Schülerinnen und Schüler gesehen werden denn als das Ergebnis einer sozialen Interaktion.