Überlegungen zur Erziehung

Zur Zeit gibt es eine Diskussion darüber, wie Kinder am besten erzogen werden sollten. Hier stehen sich Strenge und Drill auf der einen Seite und der Versuch auf der anderen Seite, Kindern eine unbeschwerte Kindheit zu bieten, gegenüber. Hat eine der beiden Seiten recht?

In den siebziger Jahren kam ein dreibändiges Werk des amerikanischen Arztes Benjamin Spock über Kindererziehung heraus, die sich bei ihm durch einen besonders liebevollen Umgang mit Kindern auszeichnete. Das Werk ist heute noch im Buchhandel erhältlich. Viele Jahre später, auf der Party zu seinem achtzigsten Geburtstag, widerrief Dr. Spock alles, was er in seinen Büchern propagiert hatte und vertrat die Ansicht, ein Kind könne nicht früh genug lernen, u. a. dass der Vater das größte Stück Fleisch auf den Teller bekäme. Und wieder stoßen wir auf den obigen Gegensatz.

Ebenfalls in den siebziger/achtziger Jahren wurde immer wieder kolportiert, dass die Kinder der New Yorker Bronx, wohl die überlebensfähigsten Menschen seien, da sie durch die härteste Lebensschulung gegangen wären, die unsere Welt zu bieten hätte.

In den neunziger Jahren machte ein Buch von Ulrike Zöllner "Die Kinder vom Zürichberg" die Runde. In diesem Buch beschrieb die Autorin, wie unser Wohlstand und das "versorgt werden" unserer Kinder dazu führt, dass viele als Jugendliche und Erwachsene an Antriebslosigkeit, Gleichgültigkeit und Motivationsmangel leiden.

Letzteres scheint der These von der fordernden Erziehung recht zu geben. Warum aber müssen wir immer in Extremen denken oder handeln? Warum gibt es nur brutalste Strenge oder verwöhnende Gleichgültigkeit? Und warum geht alles von den Eltern aus? Hat in unserer heutigen Welt ein Kind eine Chance, eigene Lebensstrategien zu entwickeln, eigene Motivationen aufzubauen, etwas eigenes zu wollen?

Die Kinder der Bronx zeigen uns, dass das, womit man sich auseinandersetzen muss, deutliche Lernerfolge zeitigt. Schon Aristoteles bemerkte: Denn die Dinge, die wir erst lernen müssen, bevor wir sie tun, lernen wir beim Tun. Oder anders: Jedes Kind hat ein Recht darauf, sich u. a.  an der heißen Herdplatte die Finger zu verbrennen oder mit dem Fahrrad zu stürzen. Das ist konkrete Lebenserfahrung und nur die hilft uns, die Realität richtig einzuschätzen. Erfahrungen lernt man nicht vor dem Fernseher, nicht mit Hilfe der Spielekonsole und auch nicht im Chinesischunterricht. In früheren Jahrzehnten war der ganze erreichbare Lebensraum ein Abenteuerspielplatz, heutige Kinder haben Glück, wenn sie die Möglichkeit erhalten, ein paar Erfahrungen zu sammeln, ohne von ihren Eltern oder anderen Erwachsenen daran gehindert zu werden.

Es geht also nicht um die Frage, ob Strenge, Drill oder verwöhnt werden, sondern um die Frage, ob unsere Kinder noch die Möglichkeit haben, eigene Lebensentwürfe zu entwickeln, da die besorgten Eltern oft ein Leben vorgeben, das durch ihre eigenen Hoffnungen, Enttäuschungen und Ängste bestimmt ist und mit dem Leben ihrer Kinder nur bedingt zu tun hat.

Der Königsweg wäre, Kindern dabei zu helfen, eigene Ziele zu finden und diese dann auch mit Beharrlichkeit anzustreben. Manchmal ist dazu auch viel Übung und Training erforderlich.

17.02.2011 / Albert Zimmermann / Klaus Kuhlmann