Schulnoten aus schulpsychologischer Sicht

Es ist Sommer und die Versetzungszeugnisse stehen ins Haus und damit die alljähr-
liche Diskussion über Schulnoten. Sie sollen nachvollziehbar sein, gerecht und justi-
ziabel, ansonsten werden sie von empörten Eltern angefochten. Es gibt sogar
Rechtsanwälte, die darauf spezialisiert sind, zumindest unter anderem. Ich staune
immer wieder darüber, wie schnell von allen Beteiligten vergessen wird, wie Schulno-
ten zustande kommen und worum es sich bei ihnen tatsächlich handelt, wenn sie
erst einmal unter einer Klassenarbeit oder auf dem Zeugnis stehen. Man tut plötzlich
so, als wären sie feste und eindeutige Werte. Das sind sie nun aber wirklich nicht!
Was sind sie dann? Das möchte hier einmal zusammenfassend darstellen und damit
zu einer Versachlichung der Diskussion und vielleicht auch zu etwas mehr Gelas-
senheit beitragen.


Was sind Schulnoten?

Schulnoten - ob nun sechsstufig oder fünfzehnstufig wie in der Oberstufe - sind
nichts anderes als Ranginformationen: Sie geben die Stellung eines Schülers hin-
sichtlich der von ihm erbrachten Leistungen in seiner Lerngruppe wieder, und zwar
nach Einschätzung seines Lehrers und im Vergleich zu den Leistungen seiner Mit-
schüler. Grundlage der Benotung ist damit keinesfalls eine objektive Feststellung des
Leistungsstandes!

Als Werte haben Schulnoten Rangskalenniveau. Das bedeutet, dass die Abstände
zwischen den Notenstufen nicht definiert sind. Es bleibt völlig offen, ob der Lei-
stungsunterschied, der zum Beispiel durch die Noten 2 und 3 abgebildet wird, ge-
nauso groß, kleiner oder größer ist als der zwischen einer 4 und einer 5. Die Abstän-
de zwischen den Noten bilden die wirklichen Leistungsunterschiede nicht ab.

Da arithmetische Operationen aber gleiche Abstände zwischen Werten vorausset-
zen, folgt daraus, dass mit Schulnoten grundsätzlich keine Rechenoperationen
durchgeführt werden dürfen. Aus mathematischer Sicht ist die Berechnung von No-
tendurchschnitten daher nicht zulässig und die Entscheidung auf der Basis von No-
tendurchschnitten - zum Beispiel bei der Zulassung zum Studium – fragwürdig.

Hinzu kommt: Die Zuordnung der Leistung zu einer Ranggruppe wird in der Regel
nur in und für eine Klasse oder Stufe vorgenommen und gilt ausschließlich für diese
Klasse oder Stufe. Ein Vergleich von Schulnoten aus einer Klasse mit denen anderer
Klassen, Schulen oder Schulformen bedeutet, von dem Rangplatz hier auf einen
Rangplatz dort zu schließen. Das ist auch bei sehr viel Erfahrung spekulativ.

Noten kaschieren die Leistungsunterschiede zwischen Klassen, Stufen und Schulen,
da sie sich ausschließlich an den konkreten Leistungen der jeweiligen Gruppierung
orientieren, diese Leistungen in eine Reihenfolge bringen und sie immer den glei-
chen 6 Notenstufen zuordnen.
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Ein Vergleich, eine Einstufung der Leistungen findet nur innerhalb der jeweiligen
Gruppe statt, nicht zwischen den Gruppen! Je nach Klasse, Schule oder Schulform
kann die gleiche Leistung sehr unterschiedlichen Ranggruppen zugeordnet werden
und hinter derselben Note können sehr unterschiedliche Leistungen stehen.

Vor einigen Jahren habe ich einmal die objektiv überprüfte Rechtschreiblei-
stung von Schülerinnen und Schülern der 4. Klasse Grundschule mit deren
Noten in Rechtschreibung verglichen und dabei festgestellt, dass Kinder bei
der gleichen Rechtschreibleistung die Noten 1 bis 5 hatten, einige sogar eine
Legastheniebescheinigung.

Solange die Benotung in der bisherigen Form beibehalten wird, bleiben Noten unver-
gleichbar und damit zwangsläufig auch "ungerecht". Mehr Gerechtigkeit könnte nur
durch z. B. zentrale Klausuren und Prüfungen oder durch standardisierte Verfahren
zur Leistungsfeststellung erreicht werden. (Die Zentrale Abschlussprüfung ist ein
wichtiger Schritt dorthin!)



Was fließt alles in die Benotung mit ein?

Neben dem tatsächlichen Leistungsstand der Klasse und den Leistungen der einzel-
nen Schüler spielt immer auch das Soll eine Rolle, die Zielvorstellungen des beurtei-
lenden Lehrers. Hier geht es nicht nur um die offiziellen Vorgaben des Lehrplans,
sondern auch um die Erwartungen und Ansprüche des Lehrers, um das, was ihm
fachlich wichtig ist, was seiner Meinung nach jeder wissen und beherrschen müsste.
Manchmal gibt es jedoch keine besonderen, an Inhalten festgemachten Zielvorstel-
lungen, sondern nur das Selbstverständnis als allgemein anspruchsvoller oder be-
wusst wenig anspruchsvoller und wenig strenger Lehrer.

Für viele Lehrer ist bei der Benotung das Verhältnis zwischen tatsächlich erbrachten
Leistungen und vermuteter oder wahrgenommener Leistungsfähigkeit von Bedeu-
tung. Die Benotung wird positiver, wenn Schüler sich bemühen und ihre Leistungsfä-
higkeit weitgehend in konkrete Leistungen umsetzen, auch wenn sie dabei nur
Durchschnittsleistungen erreichen.

Bemühen steht für Engagement und Interesse am Fach – Gleichgültigkeit, Faulheit
und mangelnde Vorbereitung für Desinteresse. Desinteresse für ein Fach, das der
Lehrer gewählt hat, das er studiert hat, in das er Zeit und Energie investiert hat, das
verletzt und kränkt ihn, das fordert Sanktionen über die Note geradezu heraus. Wahr-
genommenes Interesse hingegen führt zu einer eher wohlwollenden Benotung. Denn
die Benotung (als subjektive Einschätzung!) hängt selbstverständlich auch von den
Gefühlen, der Einstellung und Wertschätzung des Lehrers der Klasse und dem
einzelnen Schüler gegenüber ab.

Es fällt schwer, jemanden gut zu benoten, den man nicht leiden kann, der einen stän-
dig verletzt und kränkt. Verständlich, wenn dann angepasste, positive, fleißige und
wenig strapaziöse Schüler bessere Noten bekommen. Sie bekommen sie in der
Regel nicht einmal völlig unverdient, denn sie erhalten jede Menge positives Feed-
back und werden dadurch systematisch aufgebaut. Die ungeliebten, strapaziösen 3/3
und unangenehmen Schüler werden dagegen eher (systematisch) demoralisiert und
sinken als Folge davon in ihren Leistungen mehr oder weniger rasch ab.

Mit der Benotung verfolgen Lehrer vielfach indirekte, manchmal ausgesprochen di-
rekte pädagogische Ziele, die über eine einfache Leistungsrückmeldung hinausge-
hen: Schlechtere Noten als Bestrafung für Fehlverhalten, als Denkzettel oder nur
zum Ansporn, bessere Noten als Belohnung.

Bei der Diskussion über den Sinn von Kopfnoten wird häufig argumentiert,
dass auf diese Weise die Fachnoten vom "Versuch pädagogischer Einfluss-
nahme" frei gehalten werden könnten. Ich glaube allerdings nicht, dass das
funktioniert.

Die Benotung ist für Lehrer auch deshalb problematisch, weil sie sich bewusst sind,
dabei implizit die Qualität des eigenen Unterrichts mitzubeurteilen: Sie müssen beur-
teilen, wofür sie letztlich verantwortlich, zumindest mitverantwortlich sind.

Wie geht man bei der Benotung vor, wenn man ein schlechtes Gewissen hat, weil
man im letzten Jahr wenig Lust oder Zeit hatte, sich auf den Unterricht vorzubereiten
und der Leistungsstand der Klasse völlig indiskutabel ist? Schiebt man die Schuld
auf die Klasse und bildet das ab, indem man insgesamt schlecht benotet oder ver-
sucht man es zu kaschieren, indem man viel zu gut benotet? Ich kenne auch den
Fall, dass zu gut benotet wird, um so einem Konflikt mit den Eltern oder der Schullei-
tung zu entgehen.

Ich möchte an dieser Stelle schließen, obwohl es sicher noch einiges zu sagen gäbe.
Halten wir fest: Es ist für Lehrer so gut wie aussichtslos, völlig gerecht und nachvoll-
ziehbar zu benoten. Es gäbe zwar Lösungen wie die, jede Klassenarbeit durch einen
zweiten Fachlehrer noch einmal korrigieren zu lassen, das wäre aber viel zu aufwän-
dig und zu teuer.

Albert Zimmermann, Schulpsychologe, Köln
05.07.2010